essay _ EIN DORF, EIN ORT, EINE LANDSCHAFT

Posted on September 9, 2004

Screen Shot 2013-04-09 at 12.57.37 AMIntroduction “Ein Dorf, Ein Ort, Eine Landschaft,” to Ralf Schuhmann’s exhibition catalog Endstation Etzweiler (Bonn: Offener Atelier Katalog, 2004).

Excerpt: Dem verlassenen Dorf Etzweiler werden die Abraumhalden eines Tagebaus gegenübergestellt. In beiden Orten handelt es sich um geräumte Landschaften, jedoch erscheinen die „aufgeräumten“ Häuserlandschaften des Dorfes wie auch die „hingeräumten“ Erdlandschaften des Tagebaues trügerisch. Die Stille und Leere beider Landschaften präsentiert sich in Ralf Schuhmanns Bildern wie im Vakuum; da sind Häuser, die lautlos an den Strassen stehen und Erdhalden, die eine scheinbar urzeitliche Stille suggerieren.

Zwei Orte, die sich lokal und temporal unterscheiden – der eine in seiner Lage örtlich gebunden, wohingegen Örtlichkeit sich für den anderen kontinuierlich immer wieder neu definiert. Aus dieser Konstellation lässt sich das Einholen des einen Ortes durch den anderen vermuten. Die zwei Zonen, welche sich im Schwarz-Weiß-Bild und im Farbbild widerspiegeln, werden somit zur Dokumentation zweier Orte, die sich bald zeitlich und räumlich überschneiden werden. Danach wird der eine Ort „seiner Wege gehen“ und der andere …

Und doch ist dies nur eine leise Vorahnung, denn die Fotoserien beider Orte nähern sich stetig an, überlagern sich jedoch nie vollständig. Man scheint dazu ermutigt, den eigentlichen Gehalt der Bilder in deren Zwischenräumen zu suchen – zwischen Farbe and Schwarz-Weiß, zwischen Abraumhalden und Gebäuden, zwischen Industrie und Heimischem und, im weitesten Sinne, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Diese Zwischenräume können dann als Projektionsräume neuer Bilder fungieren – Bilder, welche sich im Zwiespalt des Gezeigten, des Bekannten belichten.

Somit stellen Schuhmanns Bilder mehr dar als das Preisgeben eines Dorfes, das Verschwinden eines Ortes oder das entstehen einer Landschaft. Die Bilder werden zur Aufforderung, zwischen den Zeilen zu lesen, das zu erkunden, was sich noch ergeben wird und tiefer und wachsamer zu sehen. Rainer Maria Rilke formulierte es einmal so: „Ist es möglich…,daß man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, daß man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauern, nachzudenken und aufzuzeichnen, und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause…? Ja, es ist möglich.“

Photograph © Ralf Schuhmann